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Geistliches Wort zur gegenwärtigen Lage

 

Liebe Gemeindeglieder,

liebe Interessierte,

 

nun ist unsere Himmelfahrtskirche ohne gottesdienstliches Leben - für wie lange, weiss gegenwärtig noch niemand. Die Corona-Krise hat "natürlich" auch unser gemeindliches Leben erreicht, und selbstverständlich tragen wir im Vertrauen auf den Rat berufener Fachleute und die Klugheit der Verantwortlichen in Politik und Verwaltung die Maßnahmen mit, die gegenwärtig als notwendig erachtet werden, auch wenn der Einschnitt gerade in den Kar- und Ostertagen in seiner Symbolkraft gravierend ist.

 

In diesen Tagen erleben wir wie wohl die meisten Menschen in diesem Land und weit darüberhinaus eine Zeit "rieselnder Angst", wie es neulich jemand genannt hat. Das Corona-Virus hat uns "kalt erwischt". Es zwingt in die Ohnmacht und erinnert an den Satz des Sokrates: Ich weiss, dass ich nichts weiss. Das auzuhalten fällt uns vielleicht schwer, wenn gegenwärtig kaum etwas planbar erscheint. Den einen oder anderen wird auch die Angst vor der eigenen inneren Leere befallen, wenn aus einem durch Arbeit und Freizeitaktivitäten geregelten, klar strukurierten Alltag auf einmal ein zeitlich unbestimmtes, aber durch notwendige Restriktionen eingezäuntes Loch wird. Dazu kommt noch etwas anderes: Wir sind soziale Wesen, von Geburt an auf Nähe anderer Menschen angewiesen. Dass nun ein einzelner Akt körperlicher Nähe am Ende der Auslöser einer schweren Erkrankung und unter ungünstigen Umständen sogar des Todes sein kann, zerstört Vertrautheit, umso mehr, wenn wir pauschal dazu aufgefordert werden, "alle sozialen Kontakte" zu reduzieren oder ganz zu vermeiden - dabei geht es eigentlich "nur" um körperliche Nähe. Was wird "nach Corona" von dieser Angst geblieben sein? Nein, so dringend notwendig es gegenwärtig ist, auf körperliche Nähe zu verzichten, so wichtig sind soziale Kontakte vor allem für die diejenigen, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation isoliert zu werden drohen. Dafür stehen uns die Möglichkeiten der modernen Kommunikationstechnologie zur Verfügung: Telefon, Whatsapp, E-Mail, Skype und mehr.

 

Konkrete Angst ist manchmal lebensnotwendig, sie kann Leben retten. Sie bewahrt uns davor, unser Leben leichtfertig auf`s Spiel zu setzen. Aber "rieselnde", diffuse Ängste machen mürbe und zerstören. Unvernünftige Hamsterkäufe machen das Leben derer schwer, die dringend auf bestimmte Produkte angewiesen sind. Verschwörungstheorien alter und neuer Art vergiften das geistige und soziale Klima, sie weiterzuverbreiten anstelle sie dem Licht der kritischen Vernunft auszusetzen, ist in diesen Tagen kein Spiel mehr, sondern einfach verantwortungslos. Sie zeugen von einer eigenartigen Lust am Untergang, anstelle das Leben zu fördern. Ähnliches gilt für andere Verdrängungsstrategien, wie sich die eigene Ohnmacht bei sog."Corona-Partys" mit Bier aus Mexiko "schön" zu trinken - während gleichzeitg womöglich gerade die eigene Oma oder der Uropa um seine Gesundheit fürchten muss. 

 

Unser christlicher Glaube kann uns vor zermürbender Angst oder hilfloser Verdrängung bewahren. Ja, auch wir wissen, dass das Leben endlich ist, und wir glauben dem Zeugnis des Neuen Testamentes, dass unsere menschliche Geschichte überhaupt endlich ist. Daran erinnert uns das Corona-Virus sehr, sehr eindrücklich.

 

Wer darin aber mehr zu erkennen meint, wer etwa in diesen Tagen an eine Strafe Gottes denkt, womöglich an ein Gericht über bestimmte Menschen und Völker oder Lebensweisen, sollte sich prüfen, ob er oder sie sich nicht an der Vorsehung Gottes vergreift, indem er oder sie glaubt, Gott "in die Karten sehen" zu können. Vor solchen falschen Propheten warnt die Bibel zuhauf. Zur Umkehr sind wir allezeit gerufen - jede/r, nicht nur die, die vielleicht einen besonderen Anlass zur Buße haben oder wo andere dies für sie meinen.


Am Anfang dieses Jahres hat uns beim ökumenischen Neujahrsgottesdienst ein Wort aus dem 2. Timotheusbrief ins neue Jahr geleitet: "Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit" (2 Tim 1,7). Die Besonnenheit bewahrt uns vor Hysterie und mahnt uns gleichzeitig daran, unseren Alltag in sittlicher Verantwortung und Liebe zu uns selbst und vor allem zu den anderen zu gestalten, und das bedeutet in diesen Tagen Verzicht auf liebgewonnene Traditionen und eine harte Geduldsprobe vor allem für die Familien mit Kindern.

In diesen Wochen ist uns Christen das Fasten an sich schon nahegelegt: Wir besinnen uns auf das, was im Leben wirklich wichtig ist und trägt: ein intensives Miteinander in geistlicher-geistiger Verbundenheit unter uns Menschen und mit Gott. Der Blick auf die, die in diesen Tagen bis an den Rand der Erschöpfung und manchmal auch darüber hinaus durch ihren Dienst die wesentlichen Funktionen unseres Lebens sichern, macht dankbar und demütig zugleich. Er ruft uns zum Gebet für sie. In dieser Verbundenheit mit ihnen und den Opfern der Epidemie teilen wir unsere Hoffnung, dass diese Welt nicht von Gott aufgegeben wurde und an sich selbst verloren ist, sondern er in seinem Sohn den Weg durch Leid und Tod hindurch mitgegangen ist. Im Verzicht sind die Starken solidarisch mit den Schwachen und die Schwachen erfahren Stärke und Nähe. Der Karfreitag ruft es uns ins Gedächtnis: Das ist Gottes Weg mit uns, das soll auch unser Weg miteinander sein.

 

Bei unserem vorerst letzten Gottesdienst am 15. März durften wir der kleinen Lisa bei ihrer Taufe zusagen: "Du gehörst zu Jesus Christus". Paulus schreibt im Römerbrief: Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Röm 8, 35.37-39)

 

Ich wünsche uns allen, dass uns diese Hoffnung durch diese für alle schwierige und für viele auch schwere Zeit hindurch tragen wird.

 

Da wir keinen Gottesdienst miteinander feiern können, finden Sie für den jeweiligen Sonntag ein Dokument mit dem Psalm, dem Predigttext und einigen Gedanken sowie einem Gebet und einem Liedvorschlag unten zum Downloaden. Nützen Sie auch die Gottesdienste und Morgenfeiern im ZDF und im BR und bleiben wir so einander im Gebet verbunden. Wenn Sie zum Beten die Kirche aufsuchen wollen, können Sie das gerne an den Sonn- und Feiertagen von 10 bis 12 Uhr tun, da ist die Himmelfahrtskirche für das individuelle Gebet geöffnet und der Impuls für den jeweiligen Tag liegt auch zum Mitnehmen aus.

 

Zeil, am 25. März 2020

 

Ihr Pfarrer

Hans-Christian Neiber

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 22. März - Lätaredownloads: 8 | type: pdf | size: 107 kB
Sonntag, 29. März - Judikadownloads: 2 | type: pdf | size: 104 kB